1946: Als Churchill vor unserer Tür Sprach
19. September 1946: Der Münsterhof ist bis zum letzten Platz gefüllt, tausende Menschen drängen sich auf dem Platz, an den Fenstern der umliegenden Häuser, auf jedem erdenklichen Aussichtspunkt. Im Zentrum des Geschehens steht eine Tribüne vor dem Zunfthaus zur Meisen, gleich gegenüber dem Zunfthaus zur Waag. Dort tritt an diesem Tag der britische Kriegspremier Winston Churchill vor das Zürcher Volk.
Es ist ein historischer Moment, nur ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Churchill, der Grossbritannien durch die dunkelsten Jahre des Krieges geführt hatte, spricht in Zürich über die Zukunft Europas. Zuvor hatte er an der hiesigen Universität zu einer Vision aufgerufen, die damals kühn erschien: der Bildung der Vereinigten Staaten von Europa. Die Rede auf dem Münsterhof, umrahmt von den historischen Fassaden der Zunfthäuser und des Fraumünsters, wird zu einem der grossen Auftritte in der Nachkriegsgeschichte der Stadt.
Bild: Kulturplatz Münsterhof
Titelbild: NZZ Archiv
Erhalten geblieben ist eine Fotografie, die die Begeisterung dieses Augenblicks eindrücklich festhält: ein Meer von Menschen, dicht gedrängt, alle Blicke auf die kleine Tribüne gerichtet. Dieses Bild ist längst zu einem der emblematischen Bilder geworden, die sich mit der Geschichte des Münsterhofs verbinden – mit dem Zunfthaus zur Waag im zentralen Hintergrund als stiller, aber unübersehbarer Zeuge.
Es ist bezeichnend für den Münsterhof, dass er über die Jahrhunderte immer wieder zur Kulisse für Momente wurde, die weit über Zürich hinaus Bedeutung hatten – von kaiserlichen Empfängen im Mittelalter bis zu Churchills Rede im 20. Jahrhundert. Wer heute über den Platz geht, wandelt buchstäblich auf den Spuren solcher Momente, mit dem Zunfthaus zur Waag als beständigem Beobachter im Hintergrund.
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