
Ein Novemberabend im Zunftsaal, das Licht der Kerzen wirft warme Schatten an die holzgetäfelten Wände. Das Martinimahl, das statutarische Jahresessen der Zunft, neigt sich seinem festlichen Ende zu. Und wie jedes Jahr, wenn die Gläser gefüllt und die Reden gehalten sind, erklingt zum Ausklang ein Lied, das seit Generationen zu diesem Moment gehört: «Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht.»
Über dem Geschehen wacht dabei still ein Porträt: Im Zunftsaal, dem schönsten Raum des Hauses, hängt das Bildnis von Johann Martin Usteri – einem Mann, der zu seiner Zeit, am Ausgang des Ancien Régime und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zu den beliebtesten und angesehensten Persönlichkeiten Zürichs zählte. Usteri war Dichter, Maler und Musiker zugleich, ein Dilettant im besten Sinne des 18. Jahrhunderts, wie man es damals verstand: ein Mensch, der sich aus Freude und Talent gleich mehreren Künsten widmete.
Sein bekanntestes Werk hat die Zeiten überdauert und ist bis heute mit Zürich untrennbar verbunden. Der Refrain des Liedes beschreibt sinnbildlich einen Eroberungszug um den Globus – eine Zeile, die vom Lebensmut und der Weltoffenheit ihres Autors erzählt. Usteri war selbst Waagzünfter, und so ist es kein Zufall, dass ausgerechnet sein Werk zum festen Bestandteil des Martinimahls wurde.


Bis heute wird sein Lied jedes Jahr zum feierlichen Ausklang des Martinimahls bei Kerzenlicht gesungen – ein Moment, der Gänsehaut erzeugt und die Anwesenden für einen Augenblick mit all jenen verbindet, die dieses Lied schon vor ihnen in diesem Saal gesungen haben. Wer im Zunfthaus zur Waag zu Gast ist, sitzt damit im selben Haus, in dem seit über zwei Jahrhunderten Kunst, Geselligkeit und Erinnerung Hand in Hand gehen.
Quelle: Historische Angaben nach Philipp Oswald Welti, Altzunftmeister der Zunft zur Waag.