Die Waag im Wandel der Zeit
An der Stelle des heutigen Zunfthauses zur Waag liess der Zürcher Bürger Michel 1287 ein Haus errichten, das später an die Kinder des Schultheissen und Ritters Heinrich Biber (†1304) überging. Diese verkauften es 1303 für 50 Pfund Zürcher Pfennige an die drei Töchter des verstorbenen Ritters Heinrich von Winfelden. Aus diesem Jahre (3. August 1303) stammt auch die älteste Urkunde der Zunft zur Waag: Eine Ratsurkunde, die heute im Staatsarchiv, im Zunftarchiv der Waag, aufbewahrt wird. Die Urkunde mit hängendem Ratssiegel informiert über die damalige Erhöhung des Hauses am Münsterhof.

Die Waag erhält ihren Namen
1315 ging das Haus an Meister Peter Schmid, einen Arzt und Apotheker aus Brienz im Oberwallis, der dem Haus vermutlich auch den Namen «zur Waag» gab. Es ist bekannt, dass Peter Schmid der Leibarzt der Äbtissin des Fraumünsters war. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang zwischen seinem Zweitberuf als Apotheker und der Waage als Hauszeichen.
Schmid schenkte das Haus 1318 dem Maria-Magdalena-Altar im Grossmünster. 1385 veräusserte Johannes von Rotenburg, der Kaplan des Altars, das Haus für 108 Gulden an Ulrich Lütold, zuhanden der Leinenweberzunft. Seit 1405 ist die Leinenweberzunft Eigentümerin des Hauses. 1440 benannte sich die Zunft nach ihrem Haus «zur Waag». Die Waag ist eine der sieben alten Zünfte, die noch heute ein eigenes Zunfthaus besitzen.

Der Bau des heutigen Zunfthauses
Zur Erweiterung des inzwischen zu klein gewordenen alten Zunfthauses erwarb die Zunft 1630 für 800 Gulden das östlich anstossende Haus «Zum geilen Mönch». An der Stelle dieser beiden 1636 abgetragenen Häuser entstand in den Jahren 1636/37 das heutige «Zunfthaus zur Waag».
Das Zunfthaus zeigt vorwiegend Renaissancestil mit Anlehnungen an Gotik, besonders hinsichtlich der Konstruktion der Fensterreihen. 1778 führte man eine Renovation durch, während der praktisch das ganze Innenleben der Säle in Nussbaumholz entstand.
Nach dem Untergang der alten Eidgenossenschaft 1798 und dem Ende des Zunftregiments ging das «Zunfthaus zur Waag» durch Beschluss der Zunft vom 2. Juni 1801 in private Hände über. Damit umging sie die Zwangsenteignung des Zunfthauses durch die französischen Truppen. 1828 war das Zunfthaus wieder im Eigentum der Zunft.

Bauliche Massnahmen I: Die Fassade
1899 bzw. 1909 wurde die Fassade vollständig renoviert. Sie steht durch ihre auffallende Breite im ausgesprochenen Gegensatz zu den vorwiegend hohen und schmalen Vorderseiten der Nachbarhäuser und beherrscht das Platzbild vollkommen.
Das rundbogige Portal trägt am Scheitel eine Kartusche (Barockverzierung) mit dem Erbauungsdatum MDCXXXVI (1636) des Hauses. Die geschnitzte Haustüre und der Türbogen werden von breiten toskanischen Pilastern (Wandpfeilern) flankiert.

Bauliche Massnahmen II: Das Restaurant und die Säle
1921-23 entstanden im grossen Zunftsaal die Wappenscheiben, und kurz darauf erfolgte abermals eine grössere Renovation von Eingangshalle, Treppenhaus und Restaurant.
2008 wurde der Münsterhof neu gestaltet und wieder ein Brunnen im Platz integriert – mit der Möglichkeit einer Weinzufuhr beim kleinen Trunkbrunnen, sodass der Zunftwirt der Waag diesen bei Spezialanlässen als Weinspender nutzen kann. 2014 wurde das Restaurant in den Zunftfarben Blau und Gelb komplett neu gestaltet.

Gelebte Tradition, bis heute
Über 700 Jahre nach der ältesten Urkunde ist die Waag lebendiger denn je. Wo einst die Leinenweber zusammenkamen, sitzen heute Zürcher:innen und Gäste aus aller Welt am Tisch. In unseren historischen Sälen, in denen seit Jahrhunderten getagt, gefeiert und angestossen wird, schreiben Sie Ihr eigenes Kapitel der Waag-Geschichte.
Und in unserem Restaurant geniessen Sie gute Küche und herzliche Gastfreundschaft in den Zunftfarben Blau und Gelb.